vor einem Jahr

Altersvorsorge - Handschellen für Freelancer? Warum das Schwachsinn ist und welche Alternative wir vorschlagen.

Freelancer und FreiberuflerInnen haben ein Altersvorsorge Problem. Das unterstreicht auch eine Umfrage, die wir im Sommer zusammen mit Prof. Klaus Hurrelmann von der Hertie School of Governance und dem Umfrageinstitut Civey unter 599 Freiberuflern in Deutschland gemacht haben. Obwohl Freiberufler deutlich besser als Angestellte über das Thema Altersvorsorge informiert sind, sorgen die meisten zu wenig vor, um ihren Lebensstandard im Alter halten zu können. Ein Fünftel sorgt gar nicht fürs Alter vor bzw. ein Drittel weniger als €500 im Monat. Entsprechend erwartet eine Mehrheit der Freelancer von 55%, sich im Alter einschränken zu müssen. Bei Frauen sind es sogar 65%.

Warum das jetzt Thema ist?

Die Bundesregierung plant im kommenden Jahr eine Rentenpflicht für Freiberufler und Selbstständige, um damit das Risiko der Altersarmut in dieser Berufsgruppe zu reduzieren.

Altersvorsorge muss endlich im 21. Jahrhundert ankommen

Jedoch haben sich die individuellen Bedürfnisse und Anforderungen an eine Altersvorsorge bereits geändert und werden in den kommenden Jahren einen noch stärkeren Wandel durchleben.

Non-lineare Erwerbsbiographien mit häufigen Jobwechseln, Wechseln zwischen Anstellung und Selbstständigkeit, längeren Auszeiten und eine schwankende Einkommenssituation werden durch flexible Arbeitsformen und auch der fortschreitenden Automatisierung in vielen Branchen zur Normalität.

Andererseits haben Freiberufler spezielle Bedürfnisse und damit Anforderungen an eine Altersvorsorge. Das fängt damit an, dass Freelancer in den seltensten Fällen ein stabiles und vor allem planbares Einkommen haben. Daher ist eine flexible Sparmöglichkeit besonders wichtig.

Außerdem ist es für Freelancer wichtig, bei Bedarf auch vor Rentenbeginn auf das Ersparte zurückgreifen zu können. Dafür kann es vielfältige Gründe geben. Im Notfall, wenn es wegen schlechter Auftragslage oder auch krankheitsbedingten Ausfällen eng wird. Aber auch, wenn sich die Pläne ändern oder das Geld für Investitionen in die Zukunft gebraucht werden.

Die Pläne der Bundesregierung sind für Freelancer lebensfremd

Was ist also für das kommende Jahr geplant? Selbständige sollen künftig verpflichtet werden, in die gesetzliche Rentenversicherung einzuzahlen. Daneben soll es die Möglichkeit geben, im Zuge eines sogenannten “Opt-outs” andere geeignete Alternativen zu wählen. Das klingt auch erstmal gut. Das Problem ist jedoch, dass die bisher diskutierten Pläne an den Bedürfnissen und der Lebenswirklichkeit von Freelancern vorbei gehen. Mehr noch, faktisch wird den Freelancern ein wesentlicher Teil ihrer Freiheit genommen.

Die gesetzliche Rente hat durchaus einige Vorteile. So ist sie sehr sicher, hat eine ordentliche Rendite und ist insolvenzsicher. Nachteil ist jedoch, gerade für Freelancer, dass die gesetzliche Rente komplett unflexibel ist. Man kann weder die Höhe der Einzahlung wählen, noch vor der Rente auf das Geld zugreifen und es wird später nur als monatliche Rente ausgezahlt. Darüber hinaus ist man auf Jahrzehnte von den rentenpolitischen Entscheidungen der kommenden Regierungen abhängig. Bitte nicht falsch verstehen, die gesetzliche Rente ist ein gutes Produkt und kann als Basisversorgung sogar sehr sinnvoll sein.

Opt-out ist keine Lösung

Jetzt soll es ja noch die Möglichkeit geben, sich im Rahmen des sogenannten Opt-outs für eine Alternative zur gesetzlichen Rente zu entscheiden. Das Problem ist aber, dass die geplanten Alternativen fast genauso unflexibel sein sollen wie die gesetzliche Rente. Sprich, es ist für Freelancer keine wirkliche Alternative. Die bisher diskutierten Vorschläge orientieren sich vor allem an bestehenden Lösungen statt an den Anforderungen der neuen Arbeitswelt und den Bedürfnissen von Freiberuflern. Es besteht die Gefahr, dass hier die gleichen Fehler wie bei Riester und Rürup wiederholt werden.

Bei den Opt-out Varianten fehlt die Flexibilität, die bei schwankendem Einkommen erforderlich ist. Ferner ist es nicht vorgesehen, vorzeitig an das Geld zu kommen und temporär “entsparen” zu können. Aber auch in der Rentenphase ist keine bzw. nur eine sehr eingeschränkte Wahl zwischen Kapitalauszahlung und fester Rentenzahlung vorgesehen. Somit ist das keine Alternative für Freelancer. Außerdem ist zu befürchten, dass es wieder auf eine komplexe und bürokratische Lösung hinausläuft, die viel kostet und wenig bringt.

Faktisch sollen Freelancer ab dem kommenden Jahr in das Korsett traditioneller Arbeitsverhältnisse gepresst werden.

62% der Freelancer würden mehr fürs Alter sparen, wenn sie die Beiträge jederzeit anpassen oder pausieren könnten. 59% der Freelancer würden mehr fürs Alter sparen, wenn sie zur Not auch vor Rentenbeginn jederzeit kostenlos an ihr Erspartes kommen.

(Vantik FreiberuflerInnen Vorsorgestudie 2018)

Grundsätzlich ist es ja sehr gut, wenn die eingezahlten Beiträge insolvenzsicher sind, sofern man sie bis zur Rente erhält. Das heißt aber nicht, dass man in keinem Fall vorher rankommen sollte! Aus unserer Sicht gibt es keinen logischen Grund, warum es nicht möglich sein sollte, bereits vor der Rente Zugriff auf das Geld zu bekommen.

Die vorherrschende Inflexibilität wird damit begründet, dass die Menschen sonst unvernünftig handeln, sinnlos konsumieren, alles Geld verpulvern und somit nichts mehr für das Alter übrig haben würden. Dem liegt ein sehr problematisches Menschenbild zu Grunde, dass wir nicht teilen. Und viel wichtiger, es geht an den Bedürfnissen der Freelancer vorbei!

Vorreiter der privaten Altersvorsorge

Daher fordern wir die Bundesregierung auf, auf die geplante Bevormundung der Selbstständigen zu verzichten und die Fehler von Riester bzw. Rürup nicht zu wiederholen. Wir brauchen, gerade für Selbstständige, eine ganz neue Altersvorsorgelösung, die den Anforderungen der neuen Arbeitswelt und der Lebenswirklichkeit unserer Generation gerecht wird. Dafür schlagen wir ein individuelles Rentenkonto vor.

  • Freie Wahl der Anlageinstrumente: Die Wahl des individuellen Anlageinstruments sollten jedem nach seiner persönlichen Risikoneigung selbst überlassen sein.
  • Steuerbefreiung der Erträge: Um attraktive Anreize für die ausreichende Vorsorge zu schaffen, sollten alle Erträge auf dem Rentenkonto grundsätzlich steuerfrei sein.
  • Insolvenzsicherheit des Ersparten: Sofern das Vermögen auf dem Rentenkonto vor Rentenbeginn nicht angegriffen wird, sollte es vor Insolvenz geschützt sein.
  • Jederzeit Zugriff möglich: Zur Not muss es möglich sein, unter Verlust der Steuervorteile und Insolvenzsicherheit, vorzeitig an das Geld zu kommen.
  • Flexibilität zu Rentenbeginn: Zu Rentenbeginn sollte jeder zwischen Kapitalauszahlung oder Rentenzahlung frei wählen können.

Mit dem Rentenkonto könnten die Freelancer zu den Vorreitern einer modernen private Altersvorsorge in Deutschland werden. Die Veränderung der Arbeitswelt und die damit verbundenen Anforderungen an die Altersvorsorge betrifft nicht nur Freelancer. In Zukunft werden wir immer mehr non-lineare Erwerbsbiographien mit häufigen Jobwechseln, Wechseln zwischen Anstellung und Selbstständigkeit und längeren Auszeiten sehen. Die Bundesregierung täte gut daran, die private Altersvorsorge endlich der Lebenswirklichkeit der Menschen anzupassen.

Wir holen Altersvorsorge ins 21. Jahrhundert - sei dabei und registriere dich jetzt innerhalb von 11 Minuten. Dafür geht's hier lang.

Til Klein

Vantik Gründer